07 May 2026, 12:12

Halberstadts jüdische Vergangenheit zwischen Zerstörung und vergessener Erinnerung

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, die zahlreiche rechteckige Betonsteine in einem Gittermuster zeigt.

Halberstadts jüdische Vergangenheit zwischen Zerstörung und vergessener Erinnerung

Halberstadts jüdische Geschichte während und nach der NS-Zeit ist geprägt von Zerstörung, Erinnerung und übersehenen kulturellen Leistungen. Die Synagoge der Stadt wurde 1938 niedergerissen – ein Akt, der eine Welle der Verwüstung auslöste und ihr Gesicht für immer veränderte. Noch heute arbeiten Historiker und Gedenkstätten daran, diese komplexe Vergangenheit aufzuarbeiten und zu bewahren.

Der Niedergang der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann gewaltsam in der Nacht vom 9. November 1938, als die Synagoge während des Novemberpogroms zerstört wurde. Pfarrer Martin Gabriel blickt 1982 zurück und bezeichnet diesen Akt der Barbarei als Beginn des größeren Verfalls der Stadt.

Bis 1961 war Willy Calm das letzte noch lebende Mitglied und offizielle Vertreter der jüdischen Gemeinde Halberstadts. Seine Präsenz bildete eine fragile Brücke zu einem Erbe, das fast vollständig getilgt worden war.

1949 entstand am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt eine Gedenkstätte. Sie ehrte die Opfer, die unter brutalen Bedingungen in der unterirdischen Rüstungsproduktion schuften mussten. Zwanzig Jahre später, 1969, wurde die Anlage nicht nur als Ort der Trauer, sondern auch als Bildungsstätte neu gestaltet. Ihr Zweck erweiterte sich um die Vermittlung revolutionärer Ideale an jüngere Generationen – doch der Bezug zum jüdischen Leid blieb zentral.

Unterdessen fand das verlassene Tunnelsystem des Lagers in den 1970er-Jahren eine neue Verwendung: Die Nationalen Volksarmee der DDR baute es zu einem militärischen Lagerdepot um – ein Ort, der einst mit unermesslichem menschlichem Leid verbunden war, wurde so zweckentfremdet.

Jahrzehnte später, 2018, sorgte der Verkauf des Einkaufszentrums Rathauspassagen in Halberstadt für Aufsehen. Nach dem Erwerb durch jüdische Eigentümer hagelte es Vorwürfe eines „Verkaufs an die Juden“ – ein Echo vergangener Vorurteile, das in der Region nachhallte.

Der Historiker Philipp Graf untersucht in seinem Buch „Verweigerte Erben“ das immaterielle jüdische Kulturerbe, das in der DDR fortbestand. Im Mittelpunkt stehen Persönlichkeiten wie die Sängerin Lin Jaldati, der Schriftsteller Peter Edel und der Romanautor Jurek Becker, deren Werke oft ignoriert oder vergessen wurden. Das Buch enthält zudem eine annotierte Bibliografie und ein Vorwort der Historikerin Yfaat Weiss, die weiteren Kontext zu dieser vernachlässigten Geschichte liefern.

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Heute wird Halberstadts jüdische Vergangenheit durch Gedenkstätten, historische Forschung und die Narben der Zerstörung wachgehalten. Die Geschichte der Stadt – vom Pogrom 1938 bis zu modernen Kontroversen – spiegelt die größeren Kämpfe um Erinnerung, Vorurteile und den Erhalt kulturellen Erbes wider. Werke wie Grafs Buch stellen sicher, dass diese oft an den Rand gedrängten Geschichten nicht vollständig in Vergessenheit geraten.

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