Lale Tolkiens zerrissene Kindheit zwischen Drogen, Missbrauch und radikaler Politik
Mila KleinLale Tolkiens zerrissene Kindheit zwischen Drogen, Missbrauch und radikaler Politik
Lale Tolkiens Kindheit war geprägt von Vernachlässigung, Gefahr und Missbrauch. Mit nur achtzehn Monaten wurde sie in staatliche Obhut genommen – nachdem sie versehentlich Rohypnol-Tabletten ihrer Mutter geschluckt hatte, die selbst drogenbenebelt und unfähig war, sich um sie zu kümmern. Ihre frühen Jahre verbrachte sie in einer chaotischen Berliner Männer-WG der 1980er-Jahre, einer Welt zwischen radikaler Politik, exzessivem Alkoholkonsum und harten Drogen, in der revolutionäre Ideale mit der brutalen Realität kollidierten.
Das von den politischen Umbrüchen der Zeit geprägte Umfeld ließ wenig Raum für Sicherheit. Ihre Eltern, verstrickt in die Nachwehen der westdeutschen Linksradikalen-Bewegung, kämpften mit Sucht und Kriminalität. Lale Tolkien erzählt ihre Geschichte nun in ihrer Autobiografie "Den Himmel mit beiden Händen halten" – ein schonungsloser Bericht über eine Kindheit im Überlebenskampf in einem zerrütteten System.
Lale wurde in eine bereits zerfallende Welt hineingeboren. Ihre Mutter, heroinabhängig, war oft zu berauscht, um sich um sie zu kümmern. Ihr Vater, ein Kleinkrimineller mit Verbindungen zur Außerparlamentarischen Opposition (APO), saß im Gefängnis, als die Behörden Lale aus der Familie nahmen. Mit eineinhalb Jahren hatte sie versehentlich die Rohypnol-Tabletten ihrer Mutter eingenommen – ein fast tödlicher Vorfall, der ihre Unterbringung in staatlicher Obhut zur Folge hatte.
Schließlich kehrte sie in die Berliner Männer-WG zurück, wo ihre Mutter zwischen durchreisenden Frauen und verhärteten Aktivistinnen lebte. Während die Erwachsenen über Revolution debattierten, pulsierte das Haus im Rhythmus endloser Partys, harter Drogen und Alkoholexzesse. Lale, anders als die wechselnden kurzzeitigen Bewohner, blieb dauerhaft. Überall lauerten Gefahren: Giftstoffe lagen in Reichweite, und einer der WG-Bewohner missbrauchte sie sexuell, als sie noch ein Kind war.
Ihr Vater zog später in die WG ein, blieb aber blind für den Missbrauch und die Bedrohungen, die seine Tochter umgaben. Die Schule wurde zu Lales einzigem Refugium – ein Ort, an dem sie sich auszeichnete, zumindest bis zur Pubertät. Danach geriet ihr Leben außer Kontrolle. Sucht nahm Besitz von ihr, und instabile Freundschaften ersetzten die kurze Stabilität, die sie in der Bildung gefunden hatte.
Hintergrund ihres Leidens war das politische Erbe des Westdeutschlands der 1970er-Jahre. Mit dem Niedergang der APO formierte sich die Rote Armee Fraktion (RAF), deren gewalttätige Kampagnen – Entführungen, Attentate und der "Deutsche Herbst" 1977 – eine konservative Gegenreaktion auslösten. Kommunen wie die von Lale gerieten ins Visier von Polizeiobervation, Paranoia und internen Verratshandlungen. Viele brachen unter der Last von Verhaftungen, Radikalisierung oder schierer Erschöpfung zusammen. Die Angst vor RAF-Infiltration vergiftete das Vertrauen, und Räumungen wurden zur Normalität. Lales WG bildete da keine Ausnahme – ein Mikrokosmos des zeitgenössischen Chaos, in dem ideologischer Eifer persönlichen Zusammenbruch überdeckte.
In "Den Himmel mit beiden Händen halten" schildert sie diese Jahre mit schonungsloser Ehrlichkeit. Die Leser verfolgen ihre Geschichte mit einem Gefühl der beklemmenden Vorahnung, in der Hoffnung gegen alle Wahrscheinlichkeit auf ein anderes Ende. Das Buch beschönigt nichts, sondern legt schonungslos die Kosten einer Kindheit offen, die in den Rissen einer zersplitterten Gesellschaft verbracht wurde.
Lales frühes Leben war geprägt vom Versagen derer, die sie hätten beschützen sollen. Die Sucht ihrer Mutter, die Abwesenheit ihres Vaters und die toxische Dynamik der WG machten sie anfällig für Missbrauch und Instabilität. Das politische Klima der Zeit – geprägt von staatlicher Repression und linksextremistischer Gewalt – vertiefte das Chaos um sie herum nur noch.
Ihre Geschichte, nun in eigenen Worten erzählt, dokumentiert die langfristigen Folgen von Vernachlässigung in einer Ära, in der Ideologie oft den menschlichen Preis überlagerte. Das Buch ist zugleich ein persönliches Zeugnis und ein historisches Dokument – das Schicksal eines Kindes, das im Kreuzfeuer eines turbulenten Jahrzehnts gefangen war.






